Swissbau Focus Blog: Liebe deine Landschaft wie dich selbst – vier Pflichtpunkte für eine zukunftsfähige Raumentwicklung

«Altstadt», «Zwischenstadt» oder «City» – das sind Ausdrücke für Stadtlandschaften, die sich, genauso wie Siedlungslandschaften, historisch und geografisch verändern. Die Geschichte des Städtebaus ist aber nicht mit der tatsächlichen Evolution von Siedlungslandschaften zu verwechseln, da es sich bei Stadtlandschaften um Systeme mit einer technischen, politischen und sozialen Ebene handelt. Ich finde es wichtig, dass dieses Verständnis zur Basis für die Steuerung räumlicher Prozesse wird.

http://www.swissbau.ch/de-CH/ueber-die-swissbau/interaktiv/blog/2015/03/liebe-deine-landschaft-wie-dich-seblst-vier-pflichtpunkte-fuer-eine-zukunftsfaehige-raumentwicklung.aspx

Landliebe im Hochhaus – Dorfleben in der Stadtpolitik

Referat auf Einladung des Bund Schweizer Architekten, Zürich, im Architekturforum Zürich. Gehalten am 22.2.2015

Mit den Befriffen «Stadt» und «Land» ist der Wirklichkeit nicht oder nicht mehr beizukommen, weder in der Beschreibung noch in der Analyse. Beide Begriffe sind aufgeladen und beziehen sich genauso auf Raumtypen wie auf Lebensformen, sie sind also immer in Geographie, Form und Gesellschaft zu verorten. Daher ist «Landliebe» facettenreich zu verstehen.

Das Referat befasst sich mit zwei miteinander verwandten Paradoxa:

  • Zum einen geht die Wiedergeburt der Städte zwar mit innerstädtischen Entwicklungsprojekten mit teilweise eindrücklicher baulicher Dichte und der Renaissance von Wohnhochhäusern einher. «Stadt» ist augenfällig. Eine sozialwissenschaftliche Perspektive offenbart indes, dass hochzentrale Wohnorte nur vermeintlich mit urbanem Lebensstil zusammenfallen. Architektur wie auch die visuelle Kommunikation von Projekten verweisen vielmehr auf eine Sehnsucht nach Landschaft, Freiraum. Landliebe im Hochhaus?
  • Zm anderen bedienen sich politische Akteure dies- wie jenseits des Staates auffällig oft an soziologischen Konzepten des Dorflebens zur Lösung von Problemen in Städten und Agglomerationen. Die Förderung vermeintlich verlorengegangener Vergemeinschaftungsebenen setzt das «gute Dorf» der «schlechten Stadt» mit ihrem «Dichtestress» entgegen. Sie erfolgt in unbewusst nostalgischer Weise und vermengt Solidaritätsapelle mit vulgär-neoliberaler Finanzpolitik.

Die Landliebe im Hochhaus und das Dorfleben in der Stadtpolitik? Die Auseinandersetzung mit der «Landliebe» zwingt uns zur Überprüfung von Grundkonzepten der Raumentwicklung und weist darauf hin, dass nicht ein neues, allumfassendes (Sprach)Konzept aus der von vielen als Identitätsverlust begriffenen Überlebtheit von «Stadt versus Land» führt. Vielmehr beschreibt deren Vermengung unsere spätmoderne Wirklichkeit. Dies zu akzeptieren, deren Schönheiten und produktive Spannungen sehen zu wollen, bildet den ersten Baustein zu einer besseren Partizipation von Architektinnen, Politikern oder Investoren an der bestehenden Umwelt.

15_Ref_ArchFor_Zuerich_JVW

Age Report III – Wohnen im höheren Lebensalter. Grundlagen und Trends

Das Schweizer Standardwerk zum Wohnen im Alter. Informationen und Bestellung: http://www.age-report.ch/infos-zum-age-report/

 

Inhaltsverzeichnis

Teil 1
Aktuelle Daten im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen

  1. Konzeptionelle Grundlagen – Altern im Wandel
  2. Demografische Trends und soziodemografische Szenarien
  3. Räumliche und soziale Strukturen – zur Entwicklung von Siedlungsräumen und Haushaltsstrukturen im Alter
  4. Sozioökonomische Rahmenbedingungen im Alter
  5. Wohnumgebung, Infrastruktur, Verkehrsanschlüsse und Internet
  6. Wohnmobilität auch im höheren Lebensalter
  7. Wohnstandard, altersgerechte Ausstattung und Wohnzufriedenheit
  8. Wohnwünsche und soziale Wohnperspektiven
  9. Wohnformen mit Unterstützung, Betreuung und Pflege

Teil 2
Privates Wohnen im Alter

  1. Privates Wohnen im Alter | Joris Van Wezemael
  2. Man kann nur denken, was man kennt, und man kann nur wählen, was es gibt. Eine explorative Studie des Wohn-Handelns bei alleinlebenden Menschen unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Faktoren | Antonia Jann
  3. Gesundheit und Wohnen im Alter – Eine Herausforderung für die professionelle Pflege | Lorenz Imhof
  4. Räumliche Entwicklung und Umzugsbereitschaft der Babyboomer | Joëlle Zimmerli
  5. Demografische Alterung wird im Neuwohnungsbau kaum berücksichtigt | Corinna Heye &
    Sarah Fuchs
  6. Alterspolitische Netzwerke in Schweizer Gemeinden | Christina Zweifel
  7. Über Massstäbe und Ideologien – Gedanken zum privaten Wohnen im Alter – Ein Essay | Joris Van Wezemael
  8. Wohnen im Alter – Hauptergebnisse und Schlussfolgerungen. Synthese zum Age Report III | François Höpflinger und Joris van Wezemael

Prozess Städtebau

Download des wissenschaftlichen Schlussberichts: ScientificReport_VanWezemael

Wer macht eigentlich Siedlungslandschaft und wie entsteht Qualität? Eine Studie untersuchte die städtebaulichen Prozesse und gibt Empfehlungen an Städteplaner und Architekten, wie sie effektiver an der Entwicklung von Siedlungslandschaft teilhaben können.

Als gesichts- und konzeptlos wird sie verschrieen: Stadtplaner und Architekten äussern oft ein Unbehagen gegenüber den neuen Siedlungslandschaften in peri- und suburbanen Gemeinden. Eine Abfolge von zufälligen Arealen sei sie, ohne inneren Bezug, mehr Unfall als Plan. Und: Sie lasse jegliche Urbanität vermissen.

Solche Aussagen bringen die Situation nur vermeintlich auf den Punkt, kritisiert die eben erschienene Studie Prozess Städtebau. Die Forschergruppe unter der Leitung von Prof. Dr. Joris Van Wezemael von der Lehr- und Forschungseinheit Geographie der Universität Freiburg will Städtebau nicht als ästhetische Resultat, sondern als Praxis verstehen und fragt, wie eigentlich Siedlungslandschaft entsteht.

Urbane Brüche

Sie tut dies anhand von Beispielen, wo Städte aktuell gebaut werden, nämlich in Gemeinden, die grossen demographischen Veränderungen ausgesetzt sind: Visp etwa, das mit der Neat plötzlich zum Verkehrknotenpunkt wurde und auf Pendeldistanz zu Bern ging; Wetzikon und Uster, die dank der S-Bahn zum Metropolitanraum Zürich gehören und eine grosse Zuwanderung erfahren; oder St. Margrethen, welches nach dem wirtschaftlichen Niedergang eines grossen Holzverarbeitungsbetriebs neue Nutzungen für eine Industriebrache suchte.

Urbane Brüche nennt die Studie diese von aussen vorgegebenen Veränderungen und fragt nach den Strukturen, Dynamiken und Steuerungsmodi, welche den neuen Siedlungsbildern zu Grund liegen. Welche Akteure, ausser den Stadtplanern und Architekten, waren an diesem Prozess beteiligt? Wie wurde über Städtebau debattiert? Wie wurde das Siedlungsbild oder der Plan umgedeutet, ergänzt, erweitert? Wie wurde er gestärkt oder abgeschwächt, vertuscht, umgeleitet und ab und zu sogar aufgegeben?

Fragmentierter Raum

Van Wezemael kommt zum Schluss: «Die Siedlungslandschaften in diesen Gemeinden sind weder Zu- noch Unfall, sondern Registrierplatten der Gesellschaft.» Gemeinsam ist diesen Räumen, dass sie – unabhängig vom Prozess, den sie durchlaufen – in verschiedene städtebaulich in sich geschlossene Areale gegliedert und daher fragmentiert sind. «Das kann als eine durch und durch urbane Qualität gelesen werden», stellt Van Wezemael fest, «die wir auch in den historisch gewachsenen Kernstädten vorfinden.» Die Studie zeigte aber auch, dass diese Areale sehr verschieden gestaltet sind. Je stärker die politischen Behörden und ihre technischen Instanzen Einfluss in einzelnen Arealen ausüben konnten, desto urbaner war der Städtebau. Wo deren Einfluss fehlte, war er beliebiger. Ergebnis ist eine Abfolge von heterogenen Bausteinen der Stadtlandschaft.

«Sprawl better» – besser und schöner wachsen! folgert von Van Wezemael und lädt die Städtebauer und Architekten ein, diese neuen Siedlungslandschaften zunächst als gegeben zu akzeptieren. «Nur wenn wir die Siedlungslandschaft und die Kräfte, die bei ihrer Entstehung auf sie wirken, ernst nehmen, können wir in das Wirken gestaltend einzugreifen und sie verbessern».

Partizipation und Austausch

Die Empfehlungen der Studie zielen auf die stärkere Partizipation der Akteure. «Die Bevölkerung soll am Städtebau teilhaben können», fordert Van Wezemael und empfiehlt, dass die Kommunikation vereinfacht wird. Statt im planerischen Fachjargon sollen mit einfachen Bildern und Geschichten neue urbane Identitäten geschaffen werden. Weiter empfiehlt Van Wezemael, die politischen Prozesse intensiv zu gestalten und zwar über alle Massstabsebenen hinweg, vom Richtplan über den Nutzungsplan bis hin zu den Detailplänen. Und schliesslich plädiert die Studie dafür, dass die Gemeinden und Regionen sich über die politischen Instrumente und ihre Kombinationen informieren und austauschen.

Die Studie dürfte in Hinblick auf die kommenden raumplanerischen Aufgaben, die Umsetzung des neuen Raumplanungsgesetzes und den schonungsvollen Umgang mit dem Boden wertvolle Hinweise geben. Sie ist Teil des Nationalen Forschungsprogramms NFP 65 Neue urbane Qualität.

http://www.nfp65.ch/