Zwischen Stadtplanung und Arealentwicklung

„Qu’est-ce que l’art de gouverner? (…) le traitement de l’aléatoire.“ (Michel Foucault)

Governance-Settings als Herausforderung für die Planung.

In vielen kleineren und mittelgroßen Städten Westeuropas raubt ein abwärts-Zirkel wechselseitiger sozialer und wirtschaftlicher Prozesse politischen Strategien die Chancen ihrer Umsetzung.

This is a draft version. For citation please refer to the original publication:

… Realisierte Projekte zeichnen sich indes immer häufiger dadurch aus, dass sie in so genannten Governance-Settings am Rande des nominalen Planungssystems stattfinden: stadtplanerische Zielsetzungen sind daher vermehrt an projektorientierte Planungen gebunden und stehen somit im Spannungsfeld zwischen politisch getragenen Stadtplanung und wirtschaftlich getriebener Arealentwicklung. Sobald die Planung also ein Vehikel zur Umsetzung benötigt, verschwimmt die Grenze von Stadtplanung und Arealentwicklung. Der „Planer“ wird in der Folge zu einem Kollektiv aus politischen und wirtschaftlichen Akteuren, was das Berufsfeld erfahrener, junger, aber auch zukünftiger Planerinnen und Planer verändert. In vorliegenden Beitrag soll die Frage diskutiert werden, wie die Stadtplanung in diesem Entwicklungskontext ihre Ziele verfolgen und für eine soziale Stadt eintreten kann.

Diese Frage wird an einem Fallbeispiel aus der Schweiz diskutiert, in welches der Autor in der Rolle eines Experten in der weiter unten beschriebenen Begleitgruppe eingebunden ist. Er nimmt diesen Artikel zum Anlass, den Planungsprozess zu reflektieren und eine Brücke zwischen akademischen Diskursen und dem Feld der in der Planung angewandten Geographie zu schlagen. Aus Gründen der Vertraulichkeit beschränken sich die Ausführungen auf Inhalte, die der Öffentlichkeit zugänglich sind.

Abbildung 1 etwa hier einfügen. Titel: Geographische Lage von Effretikon. Quelle: Google Maps © 2009

In der Kleinstadt Effretikon (15’000 Einwohner) bei Zürich soll mit einem Projekt der qualifizierten Stadterneuerung das Stadtzentrum durch Abriss und Neuentwicklung grundlegend neu gestaltet werden. Effretikon verfügt über klare Zielsetzungen hinsichtlich sozialer und ökologischer Stadtentwicklung. Sie wurden nicht zuletzt im Rahmen von Agenda21[1] Initiativen formuliert und bereiten heute den Boden für ein Projekt eines Arealentwicklers, welches nach einem zweijährigen begleiteten Planungs- und Aushandlungsprozess neben 400 Wohnungen für bis zu 1000 Personen, 10’000 m2 Verkaufsfläche und 500 Arbeitplätzen auch bedeutende Angebote für die Allgemeinheit beinhaltet. Heute leben 165 Menschen im Planungsgebiet.

Der Beitrag leuchtet die fluiden Rollen der privaten und öffentlichen Akteure aus, die den Planungs- und Entwicklungsprozess tragen, diskutiert aktuelle Bedingungen und Möglichkeiten der nachhaltigen Stadterweiterung, und weist auf die Wichtigkeit hin, gleichzeitig in Prozessen auf mehreren Ebenen und in mehreren Zeiträumen zu agieren. Um die Frage diskutieren zu können, ob die aktuelle Arealentwicklung als Vehikel für die Stadtplanung dienen kann, wird zunächst der Kontext der Siedlungsentwicklung erschlossen. Anschließend wird der Prozess konzeptionell gefasst, sodass das Begleite Verfahren angemessen reflektiert werden kann. Schließlich wird das theoretische Konzept der Strategischen Navigation vorgestellt, um den Prozess im Spannungsfeld zwischen Stadtplanung und Arealentwicklung in einem Fazit beurteilen zu können.

Entwicklungskontext der Fallstudie Effretikon

Das heutige Effretiker Zentrum entstand inmitten dreier Dörfer (Moosburg, Rikon und Alt-Effretikon). Treiber der Entwicklung war der Knotenpunkt der Bahnlinie zwischen den Städten Zürich und Winterthur, welche sich seit 1876 just hier in Richtung Osten verzweigt. Die verkehrsgünstige Lage bildete damals wie heute das Entwicklungspotenzial des Standortes – Effretikon verfügt heute auch über eine eigene Autobahnausfahrt. Das Stadtbild im Zentrum erzählt heute vor allem vom Bauboom nach dem Zweiten Weltkrieg, der die Bevölkerung Effretikons in den zwei Jahrzehnten nach 1950 von 1’300 auf 11’000 Personen anwachsen liess. 1975 gab sich Illnau-Effretikon eine neue Gemeindeordnung als Stadt und verordnete sich nach der explosionsartigen Bevölkerungszunahme einen Wachstumsstopp. Seither leben 15’000 Menschen in der Stadt – 165 im Entwicklungsgebiet des Zentrums – Zuwanderung und Wegzug halten sich in etwa die Waage. (N.N. 2003). Seit den 1990er Jahren zeigt sich indes, dass die Zurückhaltung in der Stadtentwicklung auch ihre Kosten hat, und dass diese Kosten je länger je weniger von Qualitäten aufgewogen werden.

Effretikon ist wohnorientiert und verfügt über ein geringes Einzugsgebiet. Die Wirtschaft zeichnet sich durch eine auffallend tiefe Beschäftigtenintensität, ein sehr schwach ausgeprägtes Dienstleistungssegment und ein im kantonalen Vergleich tiefes Ertragsniveau der Einkommenssteuer aus (Kotz 2008). Die Bevölkerung stagniert seit 1975 (politisch gewollt, wie oben dargelegt wurde), die Wirtschaft entwickelt sich gar leicht rückläufig. Hinzu kommt eine überalterte, teils sanierungsbedürftige Bausubstanz und ein Fehlen zeitgemässen Wohnraums für viele Alters- und Einkommensschichten (Van Wezemael & Hilti 2008). Das Angebot im Detailhandel hat über Jahre abgenommen und erbringt – abgesehen von einem eher bescheidenen Einkaufszentrum – kaum mehr Zentrumsfunktionen. Zudem weisen der Sanierungsrückstand und die offenkundigen städtebaulichen Defizite sich als Hypothek für die Belebung der einstigen Einkaufsmeile, der Bahnhofstrasse in Effretikon. Anders als in vielen anderen (Klein-)Städten in der Schweiz und im umliegenden Europa, die ebenso ein sich selbst verstärkendes Zentrumsproblem aufweisen, mangelt es in Effretikon nicht an Initiativen.

Die Aufwertung des Zentrums bildet einen Entwicklungsschwerpunkt der Gemeindeexekutive für die Perioden 2002-2006 und, verstärkt, für 2006-2010 (Illnau-Effretikon 2002, 2006). Eine ansehnliche Reihe von Projekten wurde in den letzten 10 Jahren initiiert, ohne aber nennenswerte Ergebnisse zeitigen zu können. So nahm die Stadt mit einem Gebiet westlich der Geleise an einem EUROPAN[2] Wettbewerb teil, welcher zwar ein interessantes Projekt für einen ‚Campus Effretikon’ lieferte, aber nie eine Chance auf Realisierung hatte. Anläufe für einen Umbau im Zentrum westlich der Geleise sind vor allem an mangelnder Verkaufsbereitschaft der Grundeigentümer oder fehlenden Investoren gescheitert (so unternahm der Stadtrat 2005 einen Anlauf zur Entwicklung des nördlich gelegenen Zentrumsteils, scheiterte gemeinsam mit einem Gesamtleistungsunternehmer aber bereits in der Landsicherung). Positiv für das im vorliegenden Beitrag zu diskutierende aktuelle Entwicklungsvorhaben wirkt sich aus, dass in der Stadt eine ganze Reihe von Initiativen im Rahmen der Agenda21-Bewegung gediehen, womit sie sich über die Region hinaus einen Namen gemacht hat. Das so genannte Effretiker Forum21[3] entwickelte Pläne und Programme zur Energie-, Kultur-, Markt-, Natur-, Solidar- und Wohnstadt Effretikon. Die Summe der Programme darf als eine Stadtvision verstanden werden, die im Rahmen des hier diskutierten Stadterweiterungsprojekts weiterentwickelt, expliziert und auch veröffentlicht wurde[4]. Dies bereitete einen Boden dafür, dass der Stadtrat bereit dafür ist, die Option zu nutzen und sich – wenn auch kritisch – auf das Entwicklungsvorhaben einzulassen.

Eine Arealentwicklung als Vehikel für die Stadtplanung?

Für die Umsetzung stadtplanerischer Ziele braucht es also weit mehr als den politischen Willen. Im vorliegenden Beitrag wird ein aktuell laufendes Entwicklungsprojekt für das Stadtzentrum betrachtet, welches den lange ersehnten Wandel bringen, das Momentum der Entwicklung sein könnte. Weitsichtig hatte der amtierende Stadtpräsident vor einigen Jahren im Rahmen einer Revision der Zonenplanung die niedrige Dichte auf 4 m3/m2 belassen, um im Falle eines Gestaltungsplans[5] mehr Gewicht in die Verhandlungen einbringen zu können. Dies kam der Stadt zugute als sie sich für ein Projekt eines Arealentwicklers interessierte[6].

Abbildung 2 etwa hier einfügen. Titel: Effretikon mit neuem Zentrum. Fotomontage mit Hochbauten und Stadtgärten. Quelle: Stadt Illnau-Effretikon.

Die im Zuge der aktuellen Stadterweiterung zu realisierenden, dem Gemeinwohl dienenden Infrastrukturen widerspiegeln denn auch die starke Verhandlungsposition der Stadt. So wurde im Rahmen eines seit zwei Jahren andauernden Aushandlungs- und Planungsprozesses in der Form eines begleiteten Verfahrens (siehe unten) vereinbart, dass die Projektrealisierung der Stadtbevölkerung folgende Infrastrukturen und Anlagen bringen soll (siehe auch Abbildung 2):

  • Stadtgarten
  • überdachter Bahnhofplatz
  • Begegnungsraum im Bereich der Bahnhofstrasse
  • Stadtplatz
  • Öffentlicher begehbarer Freiraum

Zudem soll der kommerzielle Nutzungsmix mit publikumsintensiven Leistungen in den Sockelgeschossen und ein Entwicklungs- und Vermietungskonzept, welches Wohnen für verschiedene Bevölkerungsgruppen sicherstellt, das Zentrum in einen lebendigen Stadtteil für alle Bevölkerungsschichten verwandeln[7]. Die Finanzierung der genannten Leistungen soll als Abschöpfungsgewinn[8] aus einer gegenüber dem geltenden Regelwerk verdoppelten Dichte stammen. Im Folgenden wird der Aushandlungsprozess konzeptionell gefasst und in einen aktuellen planungstheoretischen Diskurs eingebettet.

Umsetzungsprobleme und gegenseitige Abhängigkeit

Entwicklungen im Bestand, die Bildung von regionalen Netzwerken oder die Aktivierung von Potenzialen fordern aktuell die Planung heraus (MAYER 2004, S. 134). Sie zeichnen sich dadurch aus, dass Ressourcen wie Verfahrenskompetenz, Weisungsbefugnis, Know-how, Investitionskapital oder Positionen in machtvollen Netzwerken über verschiedene Akteure verteilt sind. Es herrscht ein hoher Grad von so genannter Ressourceninterdependenz (Jessop, 1998) der Beteiligten vor. Wie empirische Studien belegen (Hillier & Van Wezemael 2008a; Van Wezemael & Loepfe 2009), lassen sich politische wie wirtschaftliche Akteure in der Regel dann auf Aushandlungsprozesse ein, wenn sie vorgängig mit einem Alleingang gescheitert sind; oder mit anderen Worten: weil jeder beteiligte Akteur nicht alleine an sein Ziel gelangen kann und weil die Unsicherheiten bezüglich der Aktionen anderer Akteure zu groß sind (Jessop 1999). In Effretikon lässt sich dieser Zusammenhang im Scheitern unilateraler Initiativen klar nachweisen (siehe oben).

In der Planungspraxis führt das Scheitern weisungsbasierter Planungsmodi oft zur Schaffung von ad-hoc Organisationen (Begleitgruppen, gemischte Planungsausschüsse). In Effretikon erfolgte der wesentliche Schritt im September 2007, als der Stadtrat (Exekutive) beschloss, auf das Projekt eines Arealentwicklers einzutreten und denselben vor dem Hintergrund der eigenen politischen und stadtplanerischen Zielen – die Wiederbelebung der Zentrumsentwicklung in Effretikon – anzusprechen.

Gegenstand des Verhandlungsprozesses waren neben den genannten Leistungen zu Gunsten der Öffentlichkeit mindestens:

  • Standort / Perimeter (Entwicklung vom Norden her, wie es die Stadt wünschte, oder vom Zentrum her, wofür der Arealentwickler votiert?),
  • Ausnutzung (Regeldichte ist 4, der Gestaltungsplan wird indes eine Dichte von bis zu 8 m3/m2 aufweisen),
  • Nutzungsarten (kommerzielle Flächen, Wohnraum für welche Bevölkerungsgruppen?),
  • Verfahrenswahl (Ausschreibung eines Städtebau-Wettbewerbs oder begleitetes Verfahren?),
  • ökologischer / energetischer Standard

Wenn Stadtplanung in konkreten Projekten stattfindet wird die Grenze von Stadtplanung und Stadtentwicklung verwischt. Hiermit geht eine Hinwendung zu einem prozess-, umsetzungs- und aufgabenorientierten Planungsverständnis einher. In Aushandlungsprozessen werden aber auch die Rollen der Akteure neu definiert, Aufgaben müssen erst noch erkundet werden, Ziele sind anfangs unklar (Scholl, 1995). Die Folge hiervon ist Unsicherheit hinsichtlich der Ziele, Verfahren und Akteure. Dies kann in der Effretiker Zentrumsentwicklung damit illustriert werden, dass die Stadt Effretikon im Zeitraum des Planungsprozesses scheinbar widersprüchlich betont, dass sie „am Steuer“ sei und das Zentrum erneuern will (beispielsweise an Öffentlichkeitsveranstaltungen)[9], dann wieder distanziert darauf hinweist, dass das Zentrum das Projekt eines Arealentwicklers sei (obschon die konkrete Ausgestaltung im begleiteten Verfahren, siehe unten, von der Begleitgruppe maßgeblich mitgestaltet wird). Dies darf der Stadt indes nicht als Inkonsequenz oder Schwäche angelastet werden – vielmehr deutet es auf die multiplen und teils widersprüchlichen Rollen und die Zielkonflikte im Aushandlungsprozess hin.

Während das Zentrum aus arealentwicklerischer Perspektive einen „Nachwuchsstandort erster Güte“ (Zitat Arealentwickler) darstellt, bedeutet der Entwickler für die Stadt folgende Ressourcen:

  • Verhandlungsgeschick (der Entwickler hat in der Vergangenheit schon Gebiete sichern können, die sich durch komplizierte Grundeigentümerstrukturen auszeichneten; hierin war Effretikon bei früheren Anläufen zur Stadtentwicklung gescheitert)
  • soziales Kapital (Bourdieu 1987) in Form guter Verbindungen zu Endinvestoren
  • Mittelfluss im Rahmen des kommerziellen Projektes

Die Sozialen und ökologischen Zielsetzungen der Stadt sollen quasi als Koppelprodukt umgesetzt werden. So wird deutlich, dass die Stadt sich deshalb auf den Aushandlungsprozess einlässt (und falls sie ihre Ziele verfolgen will auch einlassen muss), weil sie mit Hilfe der Kompetenzen und Kapitalien des Entwicklers ihre eigenen Ziele umzusetzen hofft (freilich ließe sich die Geschichte auch aus der Perspektive des Entwicklers schreiben).

Begleitetes Verfahren

Stadt und Entwickler – letzterer wird von einer Planungsfirma unterstützt – einigten sich auf ein begleitetes Verfahren (dies heißt aber auch, dass man sich im Sinne des Arealentwicklers gegen einen Wettbewerb aussprach). Der Stadt bestellt (und finanziert) eine Begleitgruppe, welche die Interessen der Stadt in Verhandlungen unterstützen und ihre Interessen vertreten soll – an den Planungskosten beteiligt sich die Stadt indes nicht. Die Stadt wird im Planungsprozess zu so einem Kollektiv und verstärkt ihre Position, indem sie sich fachliche Kompetenz, Verhandlungsgewicht und – wiederum – soziales Kapital sichert. Indes sind die Rollen und die Aufgaben der Begleitgruppe nicht a priori gegeben, was nachfolgend illustriert wird.

Im Laufe des Verfahrens treten neue fachliche Fragen hervor oder werden umgewichtet, die Gruppe wird gezielt verstärkt. Zudem wandeln sich die Rollen der Begleitgruppenmitglieder im Laufe des Prozesses, sodass die Grenze zwischen Arealentwickler und Stadt verschwimmen und mehrmals neu gezogen werden müssen. Teilweise verändern sich die Rollen von Begleitgruppenmitgliedern radikal, indem einige Personen als Fachplaner in ein Auftragsverhältnis mit dem Arealentwickler treten; in einem weiteren Fall finanziert letzterer die Erarbeitung von Grundlagen für die Begleitgruppe (also zu Gunsten der Stadt), was die Rollen zwischenzeitlich verwischt.

Gerade letzterer Fall zeigt indes auf, dass gerade diese Unschärfe in Form multipler Rollen in Aushandlungsprozessen wichtig für das Gelingen eines Projektes sein kann. So führte die fundierte Auseinandersetzung des Arealentwicklers im Zusammenhang mit der von ihm finanzierten Studie dazu, dass dieser sich nach vorgängiger Ablehnung eine Beteiligung gemeinnütziger Wohnbauträger auf die Fahne schrieb und so aus eigenem Antrieb wesentliche Zielsetzungen der sozialen Stadtentwicklung verfolgt, nämlich der Bevölkerungsdurchmischung und den Ruf nach einer Stadt für alle.

Es gilt festzuhalten, dass sowohl die Begleitgruppe (Vertretung der Stadt) als auch die Entwickler (Arealentwickler und Fachplaner) im Laufe des Prozesses wuchsen (dies lässt sich auch an der wachsenden Liste der Protokollempfänger von Stadtratsbeschlüssen und der Begleitgruppe nachweisen). Im Laufe des Prozesses wuchsen zudem persönliche Kontakte und es entstanden gegenseitige Sympathien zwischen Mitgliedern beiden Parteien. Diese ermöglichten es immer wieder, Lösungen zu erarbeiten die (aus heutiger Sicht) für beide Parteien einen Gewinn darzustellen scheinen, und festgefahrene Situationen zu lösen. Die Unschärfe (oder besser: die Multiplizität) der Rollen ist hierfür also eine Voraussetzung. Es lässt sich auch nachzeichnen, dass die beiden Akteurkollektive sich in einem Prozess von Versuch-und-Irrtum entwickeln, wobei der Planungs- und Aushandlungsprozess zwischen Formalität (z.B. Zusammenarbeitsvertrag zwischen Arealentwickler und Stadt vom Oktober 2008) und Informalität (bilaterale Treffen und Telefonate) mäandriert und so immer wieder Freiräume für Kooperationen und Kompromisse schafft. Allerdings birgt dieser Prozess auch Gefahren für die Stadtplanung: wie können strategische planerische Ziele verfolgt werden in einem Kontext, wo Umsetzungsprobleme zu einer Kooperation auf der Ebene einzelner Projekte zwingt? Wie kann verhindert werden, dass sich die Planung aufreibt zwischen ihren Zielsetzungen und offenen Aushandlungsprozessen, zwischen normativen Vorgaben und Opportunismus?

Strategische Navigation

Die jüngere planungstheoretische Debatte thematisiert den Umgang von Planung unter Bedingungen erhöhter Komplexität (de Roo, 2009; de Roo & Porter, 2006; Hillier, 2005, 2007; Hillier & Van Wezemael, 2008b; Joris E. Van Wezemael, 2008; Joris E Van Wezemael, 2009). Für das hier behandelte Thema erscheint Jean Hillier’s Konzeption von Planung als strategischer Navigation (in Anlehnung an Richard Hames) hilfreich.

Sie unterscheidet eine erste Ebene mit Entwicklungslinien mit zeitlich wandelbaren, aber semi-stabilen, Endpunkten. Hier sind längerfristige strategische Zielsetzungen angesiedelt, wie sie in Zielen von Agenda 21 Prozessen (Forum 21) oder der Stadtvision (siehe oben) benannt werden. Auf einer zweiten Ebene sind gegebene Machtverhältnisse, regulative (etwa Zonierungen), Definitionen von Anspruchsgruppen, aber auch konkrete Projekte wie das hier Besprochene angesiedelt. Die beiden Ebenen existieren nebeneinander und sind ineinander verflochten. Strategische Navigation durch mehrere Ebenen hindurch verlangt von der Planung, Verbindungen und Muster in der Situation wahrzunehmen, zu erkennen was sich vollzieht, die zugrunde liegenden Dynamiken und Wechselbeziehungen zwischen Akteuren, Orten und Technologien (Infrastrukturen, Verkehr etc.) zu verstehen. Auf dieser Ebene ist den Möglichkeiten und Potenzialen (Van Wezemael & Loepfe, 2009; Joris E Van Wezemael, 2009) erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. Richard Hames (2007 S. 228-229) spricht strategische Navigation an als die Kunst, unbekanntes Terrain zu bewältigen, und gleichzeitig Integrität und Belang zu bewahren. Hierbei ist Strategie stets als Prozess zu denken, welche auf einer Anerkennung und Würdigung der Vergangenheit, Gegenwart und der Zukunft etwa einer Stadt beruht. (HAMES 2007, S. 81).

Operatives Handeln ist folglich so zu konzipieren, dass es mit den Zielen und Werten der längerfristig bestimmten strategischen Linie vereinbar ist (HAMES 2007, S. 114). Es geht also darum zu antizipieren, in welcher Weise Relationen und Allianzen unter veränderten Bedingungen und in anderen Situationen neu konfiguriert werden können[10].

Fazit

Wie also kann die Stadtplanung im diskutierten Entwicklungskontext ihre Ziele verfolgen und für eine soziale Stadt eintreten? Die Stadtplanung in Effretikon hinsichtlich der Stadterweiterung im Zentrum kann als eine Illustration strategischer Navigation gelesen werden. Konkrete, pragmatische, opportunistische Schritte werden vor dem Hintergrund der Visionen und übergeordneten Zielsetzungen beurteilt, welche durch die konkreten Erfahrungen zwar modifiziert, nicht aber umgeworfen werden[11]. Die Soziale Stadt braucht in Effretikon ein Vehikel, um umgesetzt werden zu können. Die Frage, wie das Soziale in neue Stadtteile zieht, ist, wie gezeigt wurde, vor allem eine Frage der Prozesse. Im Rahmen der diskutierten Effretiker Zentrumsentwicklung konnte gesichert werden, dass die dem Gemeinwohl dienlichen Leistungen intrinsisch mit dem Entwicklungsvorhaben verknüpft wurden. Die gegenseitige Bedingtheit der Realisierung dieser Projektteile und der kommerziellen Entwicklung ist indes ein Produkt eines Governance-Prozesses, der einerseits Ressourcen (Prozesskompetenzen, Entwicklungs-Know-how, Verfügungsrechte, politische Legitimation, Geld, Areale und vieles mehr) sichert und sich nicht vor pragmatischen und opportunistischen Schritten scheut, andererseits aber die strategische Zielsetzung und die Vision im Sinne der strategischen Navigation nicht aus dem Auge verliert.


Zitierte Literatur

Bourdieu, P. (1987). Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt a/M.

de Roo, G. (2009). Being or Becoming? That is the Question! Confronting Complexity with Contemporary Planning Theory. – In: G. de Roo & Elisabete A. Silva (Eds.), A Planner’s Meeting with Complexity (pp. 19-39). – London, Sage.

de Roo, G., & Porter, G. (2006). Fuzzy Planning – The Role of Actors in an Fuzzy Governance Environment. – Aldershot, Ashgate.

HAMES, R. (2007) The Five Literacies of Global Leadership: What Authentic Leaders Know and You Need to Find Out. – Hooboken, Wiley.

Hillier, J. (2005). Straddling the post-structuralist abyss: between transcendence and immanence? – Planning Theory, 4(3), 271-299.

Hillier, J. (2007). Stretching Beyond the Horizon: A Multiplanar Theory of Spatial Planning and Governance. – Aldershot, Ashgate.

Hillier, J., & Van Wezemael, J. E. (2008a). ‘Empty, Swept and Garnished’: the Public Finance Initiative case of Throckley Middle School. – Space and Polity 12(2), 157–181.

Hillier, J., & Van Wezemael, J. E. (2008b). ‘Tracing the disorderly real’: Performing Civic Engagement in a Complex World. – K. Yang (Ed.), Civic Engagement in a Network Society. – Information Age Publishing, Boston.

Illnau-Effretikon, S. (2002). Zukunfsbeständige Stadtentwicklung. Schwerpunktprogramm des Stadtrats der Amtsdauer 2002-2006. – Illnau-Effretikon.

Illnau-Effretikon, S. (2006). Zukunfsbeständige Stadtentwicklung. Schwerpunktprogramm des Stadtrats der Amtsdauer 2006-2010. – Illnau-Effretikon.

Jessop, B. (1998). The rise of governance and the risks of failure. The case of economic development. – International Social Science Journal/UNESCO, 155.

KARADIMITRIOU, N. (2010) Cybernetic Spatial Planning: Steering, Managing or Just Letting Go? IN HILLIER, J. & HEALEY, P. (Eds.) Conceptual Challenges for Planning Theory.- Ashgate Publishing, Aldershot.

Kotz, P. (2008). Grundlagen Effretikon. – Unveröffentlichtes Manuscript, Zürich.

MAYER, H.-N. (2004) Projekte in der Stadtentwicklung – Chancen und Risiken einer pro-jektorientierten Planung. – Stadt LEVERKUSEN (Ed.) Jahrbuch StadtRegion: Schwerpunkt: Urbane Regionen. – Leverkusen, Leverkusen.

N.N. (2003). Effretikon – eine Stadt erwacht. – Hochparterre (5).

Scholl, B. (1995). Akionsplanung: Zur Behandlung komplexer Schwerpunktaufgaben in der Raumplanung. Zürich: vdf Hochschulverlag.

Van Wezemael, J. E. (2008). The contribution of assemblage theory and minor politics for democratic network governance. – Planning Theory, 7(2), -.

Van Wezemael, J. E. (2009). Modulation of Singularities – a Complexity Approach to Planning Competitions. In J. Hillier & P. Healey (Eds.), Conceptual Challenges for Planing Theory. – Aldescot, Ashgate.

Van Wezemael, J. E., & Hilti, N. (2008). Wohnen und Siedlungsentwicklung Mittim Effretikon. – ETH Wohnforum – ETH CASE, Zürich.

Van Wezemael, J., & Loepfe, M. (2009). Veränderte Prozesse der Entscheidungsfindung in der Raumentwicklung. – Geographica Helvetica, 64(2), 106-118.


[1] Die Agenda 21 ist ein entwicklungs- und umweltpolitisches Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert, ein Leitpapier zur nachhaltigen Entwicklung, beschlossen von 172 Staaten auf der „Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen“ (UNCED) in Rio de Janeiro (1992).

[3] Das Forum 21 ist ein soziales Netzwerk in Illnau-Effretikon. Mit seinen Aktivitäten fördert es seit 1999 eine zukunftsbeständige Entwicklung der Zürcher Agglomerationsstadt. http://www.forum21.ch/

[4] Siehe ‚Vision’ unter http://www.mittim-effretikon.ch

[5] Ein Gestaltungsplan bezweckt allgemein, eine besonders gute Überbauung, Gestaltung und Erschliessung zu ermöglichen und sicherzustellen oder vorsorgliche Umweltschutzmassnahmen umzusetzen. Er ist dazu geeignet, komplexe Planungsaufgaben zu koordinieren und Zielkonflikte einvernehmlich zu lösen.

[6] Protokoll Stadtratssitzung vom 6.9.2007

[7] Hinzu kommt eine Bewohnerdurchmischung, die u.a. durch eine Vielfalt gemeinnütziger und kommerzieller Wohnungsanbieter ermöglicht werden soll. Siehe später.

[8] Dem Arealentwickler entsteht dadurch ein Gewinn, dass die Öffentlichkeit in der Form politischer Instanzen ihm erlaubt, den Boden intensiver zu Nutzen als dies in den existierenden Reglementen vorgesehen war. Ein Teil seines Gewinnes wird der Allgemeinheit zurückgeführt (‚abgeschöpft’), indem Infrastrukturen für das Allgemeinwohl geschaffen werden.

[9] Es wurden 2009 zwei Stadtwerkstädte durchgeführt um die Bevölkerung zu informieren und den Dialog zu suchen.

[10] Folgende Fragen können handlungsleitend wirken:Wer oder was kann ein machvoller Akteur hisichtlich der Stabilisierung oder des Aufbrechens vorhandener räumlicher, wirtschaftlicher und sozialer Konstellationen sein? Wer und was könnte Allienzen bilden, und weshalb? Welche Wissensformen sind in diesem Zusammenhang relevant? Kann gemeinsames Denken ein Momentum kreieren? Welche Spannungen und Feindschaften könnten entstehen, und in Bezug auf welche Themen?

[11] Siehe hierzu das Konzept von ‚slow moving variables’ in KARADIMITRIOU, N. (2010)

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5 thoughts on “Zwischen Stadtplanung und Arealentwicklung

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